DAS SCHIFF, DAS MENSCHEN RETTEN SOLLTE

Die St. Louis war ein Schiff der Hamburg Amerika Linie (HAPAG) im Transatlantik-Dienst. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zum Rettungsschiff für viele, aber nicht alle.

Die St. Louis war ein fleißiges Passagierschiff, das Menschen in andere Teile der Welt beförderte. Am 28. März 1929 begann die Karriere mit der Jungfernfahrt von Hamburg nach New York City. Das Schiff, das zusammen mit seiner 1929 von Blohm + Voss in Hamburg erbauten Schwester Milwaukee zu den seinerzeit größten deutschen Motorschiffen gehörte, war fast nur im Nordatlantikdienst unterwegs, bis nach Halifax, der Hauptstadt der kanadischen Region Nova Scotia. Es stand als Souverän für die maritime Kultur, Meeresabenteuer und Naturschönheiten. Aber dann kam es anders.

Die „St. Louis“ im Jahr 1930, Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Die St. Louis war 1928 unter der Baunummer 670 vom Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack erstellt worden, am 2. August des Jahres lief sie vom Stapel. Sie war 174,90 Meter lang und 22,10 Meter breit, der Tiefgang lag bei 8,66 m, die Vermessung bei 16.732 BRT. Die vier doppeltwirkenden MAN-Sechszylinder-Zweitakt-Dieselmotoren (Lizenzbau Bremer Vulkan) mit einer Leistung von 12600 PSe arbeiteten auf zwei Propeller und sorgten für eine Geschwindigkeit von 16,5 Knoten. An Bord waren 670 Passagiere zugelassen, 270 in der Ersten Klasse, 287 in der Zweiten und 413 in der Dritten (Touristen) Klasse.

In der warmen Jahreszeit wurde die St. Louis für Kreuzfahrten zu den Kanarischen Inseln, nach Madeira und Marokko geschickt. Ab 1934 wurde das Schiff im Sommer auch vom Amt für Reisen, Wandern und Urlaub (RWU) der Kraft durch Freude-Organisation (KdF) gechartert. Mit je 900 Urlaubern fuhr es an die norwegische Küste.

Kapitän Gustav Schröder, Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Der in Nordschleswig geborene deutsche Kapitän Gustav Schröder (1885-1959), ein als intellektuell, freundlich und von natürlicher Autorität beschriebener schlanker Mann mit zierlicher Gestalt, Oberlippenbärtchen, schmucker Uniform und Mitglied der NSDAP (seit 1933), hatte 1938 das Kommando über die St. Louis erhalten. Er rettete 1939 mitsamt seiner Mannschaft auf der St. Louis fast tausend deutsche Juden vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. In den Jahren danach durfte nur mit vorgehängter Hand über diese fünfwöchige Irrfahrt des später als „Schiff der Verdammten“ apostrophierten Schiffes gesprochen werden. Nach dem Krieg, 1957, erhielt Schröder von der Bundesregierung „für Verdienste um Volk und Land“ bei der Rettung der Emigranten das Bundesverdienstkreuz am Bande. In Hamburg-Langenhorn gibt es einen Kapitän-Schröder-Weg, an den Landungsbrücken eine Gedenktafel. Postum wurde Schröder in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ im israelischen Yad Vashem aufgenommen.

Viele der Juden, die am 13. Mai 1939 in Cuxhaven an Bord der St. Louis gingen, waren zuvor in Konzentrationslager verschleppt worden. Nicht wenige von ihnen hatten im Ersten Weltkrieg Soldaten für Deutschland gekämpft. Manche wurden verwundet und für ihre Tapferkeit ausgezeichnet. Aber jetzt galt die jüdische Tapferkeit nicht mehr. Als sie freigelassen wurden, mussten sie ihre letzte Habe abgeben und erhielten 20 Reichsmark. Sie hatten alle ein Visa für Kuba, dort wollten sie so lange im Asyl bleiben, bis die USA sie einreisen ließ.

Die Besatzung unter Schröder behandelte sie wie andere Gäste, obwohl sie Flüchtlinge waren. Die St. Louis galt als Luxusdampfer, in der Küche wurden Speisen nach jüdischen Riten zubereitet. War der Festsaal für die Emigranten geöffnet, beseitigten vorher Mitglieder der Mannschaft sogar das Hitler-Bild. Die Menschen fühlten sich sicher und hofften auf ein gutes neues Leben.

Im Hafen von Havanna stiegen die ersten Passagiere vom Schiff. Plötzlich kamen Polizisten und drängten sie unter Waffengewalt auf das Schiff zurück. Kubas Präsident Federico Bru hatte die Landeerlaubnis der Deutschen für ungültig erklärt. Um das Schiff herum bewegten sich Polizeiboote, die Stimmung kippte. Ein jüdischer Arzt drehte durch, schnitt sich die Pulsadern auf und sprang ins Wasser. Zwei Matrosen holten ihn wieder an Bord.

Das veranlasste den Kapitän, mit den Beamten für die Emigranten zu verhandeln, fünf Tage lang. Ihre Verwandten durften nicht an Bord. Schließlich gewährten die Kubaner Landerecht für 23 Personen und setzten ein Auslauf-Ultimatum unter Androhung von Waffengewalt. Die St. Louis hatte am 2. Juni die kubanischen Hoheitsgewässer zu verlassen. Als selbst US-Präsident Roosevelt von jüdischen Organisationen persönlich um Hilfe gebeten wurde, wehrte er wegen des innerpolitischen Drucks ab. Die Stimmung der Passagiere sank auf einen Tiefstand.

Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Der Kapitän ordnete an, an die Küste Floridas zu fahren, dort wollte er die Juden per Rettungsboot an Land bringen. Nahezu alle Passagiere besaßen gültige Papiere für die Einreise, in der Ferne sahen sie schon die Skyline von Miami. Da erhielt Schröder über Funk aus Berlin die Anweisung zurückzukehren. Er wusste, dass man die Juden im Deutschen Reich wieder in die KZ bringen würde und diskutierte mit einem Komitee von sieben ausgewählten Passagieren, wie man sich verhalten sollte. Im Schutz des Nachtdunkels sollten die Menschen in Rettungsbooten fliehen. Ein Boot der US-Küstenwache mit starken Scheinwerfern verhinderte das. Die St. Louis musste aus den Küstengewässern herausfahren.

An Bord wurden die Vorräte rationiert, es gab Wutanfälle und Selbstmordversuche. In einer verschlüsselten Botschaft von HAPAG wurde Schröder zugesprochen, alles zu tun, damit die Flüchtlinge nicht nach Hamburg zurück müssten. Schließlich kam es zur Meuterei. Der Kapitän wollte erst mal nach Haiti ausweichen, geriet dann an die Küste Kanadas, aber es gelang nicht, die Passagiere an Land zu bekommen. In seinen Erinnerungen erzählt er: „Es war eine Aufgabe, die mich mehr mitgenommen hatte als mancher Taifun in der Südsee.“ Aus dem ersten Befehlsmann an Bord war ein Beschützer geworden.

Als Schröder Order erhielt, Cuxhaven anzulaufen, wo jedoch bereits ein Gestapo-Kommando auf die Übernahme der Flüchtlinge wartete, überlegte er die Vortäuschung eines Maschinenschadens mit anschließender nächtlicher Strandung an der englischen Küste herbeizuführen, weil so alle Personen als Schiffbrüchige gerettet werden müssten. Doch in unmittelbarer Gefahr, das Schiff zu verlieren, erklärte sich die belgische Regierung gegenüber der Reederei bereit, die Flüchtlinge in Antwerpen aufzunehmen und in Länder, die an den Atlantik grenzten, zu verteilen. Viele Juden glaubten es nicht mehr. Doch in Antwerpen wurden sie in Gruppen aufgeteilt, Belgien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien nahmen Flüchtlinge auf.

Jene von den 937 jüdischen Bürgern Deutschlands, die in England landeten, überlebten den Krieg. In den anderen Ländern, die von den Deutschen okkupiert worden waren, griff sich die Gestapo 254 Juden heraus, die alle in den KZ ermordet wurden. Kapitän Schröder behielt zunächst sein Kommando. Der Hapag-Vorstand dankte ihm und der Besatzung in einem doppeldeutig gehaltenen Schreiben dafür, „daß Sie die „St. Louis“ wohlbehalten zurückgebracht haben. Die Aufgabe, die Ihnen und Ihrer Besatzung gestellt wurde, war nicht einfach“. Später arbeitete Schröder für die Deutsche Seewarte in Hamburg.

Foto: Sammlung JSA

Die HAPAG nahm die St. Louis wieder in den Dienst. Kurz vor Kriegsbeginn, im September 1939, lag sie ohne Passagiere vor New York, geriet aber nicht in die Internierung durch die USA. Auch gelang es der Besatzung, britischen Schiffen unentdeckt auszuweichen. Über die Dänemarkstraße gelangte das Schiff am 11. September in das sowjetische Murmansk, wo es bis Dezember 1939 lag. Danach fuhr es ungehindert an der norwegischen Küste entlang und erreichte am 1. Januar 1940 den Heimathafen Hamburg.

In der Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven wurde die St. Louis umgebaut, die deutsche Kriegsmarine nutzte sie von September bis Dezember 1940 als Wohnschiff in Kiel. Bei einem Angriff alliierter Flugzeuge wurde sie am 30. August 1944 von mehreren Bomben getroffen, sie brannte teilweise aus. Damit das Schiff nicht sank, wurde es am 22. September auf Grund gesetzt.

1946 durfte es mit Erlaubnis der britischen Besatzungsmacht gehoben und nach Hamburg geschleppt werden. An der Altonaer Landungsbrücke wurde es, notdürftig repariert, von der HAPAG von April 1947 bis April 1950 als bescheidenes Hotelschiff genutzt. Danach wurde die St. Louis nach Bremerhaven zum Abbruch verkauft und nach der Verschleppung dort 1952 abgewrackt.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer