Die Dresdner Prachtflotte

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Die Elbfahrt auf einem historischen Raddampfer der Dresdner Weißen Flotte ist etwas Besonderes. Neun altehrwürdige Schiffe fahren dort, alle sind Originale. Roland Mischke berichtet.

Für den gebürtigen Dresdner Erich Kästner (1899-1974) war seine Heimatstadt die schönste der Welt, weil sie in einer eleganten Kurve am Fluss lag. Der Schriftsteller, der mit „Emil und die Detektive“ (1929) Ruhm erlangte, wohnte nahe der Elbe. Er schwelgte: „Wenn es zutreffen sollte, dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich, sondern auch was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.“

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Kästner sah den Fluss jeden Tag, seine feierliche, grandiose Lage zwischen den Ufern und die muntere Flut, die sich durch das Zentrum der sächsischen Hauptstadt wälzte. Als er im Zweiten Weltkrieg die Stadt verließ und nach München zog, weil Dresden zerstört war, war er nie mehr so glücklich wie zuvor.

An der Hand der Mutter, einer Schneiderin, war er auf Raddampfern. Auf den Planken hörte er das sanfte Röhren der Dampfmaschinen, verfolgte das allmähliche Vorwärtskommen, das stoische Stampfen der Schaufelräder, die Energie, die sich in Bewegung umsetzte, und die Rauchschwärme der glühenden Kohleöfen im Unterschiff, die aus dem Schornstein nach oben wölkten und denen er hinterherträumte.

Früh lernte er, dass Geschwindigkeit nicht Maßstab einer Flussfahrt war, sondern das Dahingleiten auf dem Wasser. Unter den schrägen Holmen der Schiffsaufbauten und dem schnittigen Bug vornedran. Im Winter lagen die Schiffe an einem unsichtbaren Seil im Hafen, schneeweiß gepudert, wie mit Zuckerguss überzogen. Glücklicher kann ein Kind, das den Blick auf diese Spielzeugwelt richtet, nicht sein.

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Im Sommer ging es vom Terrassenufer entlang, zur Rechten die Brühlsche Terrasse, laut Goethe „der Balkon Europas“, die eklektizistische Kunstakademie von Lipsius, zur Linken die Staatskanzlei mit dem güldenen Fassadenschmuck, die Augustusbrücke, die es schon als Bogenbau im 16. Jahrhundert gab und die Canaletto 1748 wieder und wieder malte, und sich nie sattsehen konnte. Die Schlösserfahrt, heute die Attraktion, fand schon damals statt. Harmonie im sanften Elbtal, besetzt von einer anspruchsvollen Gebäudepracht, wie Schloss Pillnitz. Dann geht es stromaufwärts unter einer sanft ansteigenden Uferlandschaft, dann unter schroffen Hängen, die in das Elbsandsteingebirge übergingen.

Der Junge stand mittschiffs und verfolgte fasziniert, wie der Dampfer unaufhörlich die Schaufelräder bewegte und das Wasser klatschen ließ, während die Dampfzylinder ihre Arbeit verrichteten. Leicht vibrierte das Schiff. Kein Wunder, dass viele Bücher Kästners von staunenden Kindern handelten.

Die Raddampfer sind immer noch auf der Elbe, wie Kästner sie sah, wenngleich mehrfach überholt. Diese Dampfer lassen sich nicht allein auf funktionale Wasserfahrzeuge reduzieren. Sie sind eine geniale Erfindung aus der frühen Mitte des 19. Jahrhunderts, bei der eine ganz eigene Antriebsart kraftvoll werkelt mithilfe einer Achswelle, und die Schaufelräder antreibt. Schauen Passagiere in das heiße Unterschiff, empfinden viele von ihnen, dass die Maschinen atmen wie der Mensch es tut.

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Das hat auch Prominente auf die Personendampfer gelockt. 1897 lud Sachsens König den König von Siam zur Dampferfahrt ein, sie führte auf der Hohenzollern nach Meißen. 1901 kam es zur „Kaiserfahrt“, als Österreichs Kaiser Franz Josef auf die Habsburg stieg und ins böhmische Aussig schipperte. Preußenkaiser Wilhelm II. begab sich 1909 auf dem nach ihm benannten Schiff mit König Friedrich August II. nach Meißen. Der Präsident von Nordkorea, Kim Il Sung, ein Diktator, war 1984 zum Staatsbesuch in der DDR. Die Dresden begeisterte ihn, so dass er um eine Kopie des Schiffs bat und es zu Hause eins zu eins nachbauen ließ; es liegt bis heute im Hafen von Pjöngjang.

2002 gingen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Russlands Präsident Wladimir Putin an Bord der Meißen. 2011 fuhr die Entertainerin Hella von Sinnen im Rahmen der Zwingerfestspiele auf der Wehlen. Bundespräsident Joachim Gauck war 2012 mit 200 Diplomaten auf der Leipzig. Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich mitsamt ihrer Familie 2014 auf der Pillnitz nach Königstein bringen. Und der Sänger der Band Rammstein, Till Lindemann, durfte auf demselben Schiff sogar kurz ans Steuerrad….

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