Ein Schiff, zwei Leben

Foto: Sammlung JSA

Portugal ist ein traditionsreiches Land im maritimen Bereich, aber in der modernen Kreuzfahrt nicht an der Spitze. Dabei hatte es mit der Infante Dom Henrique einen hoffnungsvollen Versuch gestartet.

Es war „Heinrich der Seefahrer“, der dem kleinen Portugal im 15. Jahrhundert den Aufstieg zur führenden europäischen Seemacht bereitete. Seither gilt er in dem südwestlichen Land am Atlantik als Nationalheld. Er wurde 1394 als Sohn von König Johann I. in Sagres geboren und erhielt den Namen Henrique de Aviz. Bereits früh, ab 1420, war er als Infante zum weltlichen Administrator des Ordens der portugiesischen „Christusritter“ ernannt worden.

Der Prinz hatte sich von früher Jugend in die Werke der Geografen, Kartografen und Astronomen vertieft. Mit 21 Jahren nahm er an der Eroberung der nordafrikanischen Stadt Ceuta teil, doch sein Lebensthema war die Erkundung der Welt auf dem Schiffsweg. Er organisierte erste Entdeckungsfahrten entlang der afrikanischen Küste und ebnete der Schifffahrt den Seeweg nach Indien.

Als der Infante 1460 starb, war das ein großer Verlust für die portugiesische Schifffahrt. Er war aber auch der Wegbereiter für Vasco de Gama, der drei Jahrzehnte später für sein Land den Seeweg nach Asien fand. Von Heinrich dem Seefahrer gibt es Denkmäler in seiner Heimat.

Mehr als 600 Jahre nach dem Modernisierer der Schifffahrt mit wissenschaftlichen Methoden erhielt das Dampfturbinenschiff Infante Dom Henrique seinen Namen. Das war am 29. April 1960 beim Stapellauf, als Maria Theresa Soares da Fonseca das Schiff taufte. Sie war die Ehefrau des Präsidenten der Reederei Companhia Colonial de Navegaceo in Lissabon, die im Dezember 1957 den Auftrag zum Bau des Schiffes als Bau-Nr. 814 an die Werft Société Anonyme Cockerill-Ougrée in Hoboken, Belgien, vergeben hatte. Die Bosse wollten ein Schiff in futuristischer Gestalt. Es sollte, so hieß es, ein Schiff „von morgen“ sein.

Foto: Sammlung JSA

Das Schiff musste unter neuen Bedingungen gebaut werden. Prompt kam es bei aufwendigen Testfahrten in der Nordsee im Februar 1961 zu Problemen. Das Schiff vibrierte stark, schuld daran war vor allem die Geometrie der Propeller. Nachdem man sie gegen andere ausgetauscht hatte, was der Rumpfkonstruktion eine andere Geometrie verschaffte, traten offensichtlich keine weiteren Probleme auf.

Am 21. September 1961 wurde die Infante Dom Henrique nach ihrer Fertigstellung an die Lissabonner Reederei abgeliefert. Sie bot Platz für 862 Passagiere in der Touristenklasse und 156 Gäste in der Ersten Klasse. Die bisher üblichen Einteilungen in eine Dritte und Vierte Klasse entfielen. Die Kabinen der Klasse A lagen im Mitschiffsbereich, die Kabinen der Klasse B im Heck. Das fand viel Anerkennung. Auch die Ausstattung wurde mit Begeisterung angenommen. Die über Jahrhunderte üblichen dunklen Holzverkleidungen waren abserviert, Vorrang hatte der modernistische 1950er-Jahre-Stil, mehr Metall und Glas, kombiniert mit dunklen Pastelltönen. Die Infante Dom Henrique stand in ihrer Zeit für den Fortschritt im Schiffbau.

Am 4. Oktober 1961 wurden die Leinen losgeworfen, das Schiff ging auf Jungfernfahrt von Europa nach Südafrika. Von Lissabon wurden die Stationen Funchal, Luanda, Lobito, Kapstadt, Lourenco Marques und Beira angesteuert; einige Destinationen gehörten zu den portugiesischen Kolonien in Afrika.

Das Passagierschiff war 195,59 Meter lang, 24,35 Meter breit und wies einem Tiefgang von 8,30 Metern auf. Die Verdrängung lag bei 23.306 t. Die Maschinenanlage bestand aus vier Westinghouse-DR-Dampfturbinen mit einer Leistung von 22.000 PS (16.181 kW), die auf zwei Festpropeller arbeiteten und für eine Höchstgeschwindigkeit von 21 kn (39 km/h) sorgten. Die zugelassene Passagierzahl wurde mit 1018 Personen angegeben, nach den zwei Umbauten reduzierte sie sich erst auf 660, dann auf 734 Gäste. Die Besatzung bestand aus 318 Personen.

1974 wurde der Name der Reederei in Cia Portuguesa de Transportes Maritimos geändert. Nach 15 Jahren war die futuristische Infante Dom Henrique hinsichtlich ihrer technischen Ausstattung nicht mehr zeitgemäß. Im Januar 1976 wurde das Schiff außer Dienst gestellt. Man nutzte es als Unterkunft für Arbeiter, die in Sines, bis dahin ein Fischerdorf südlich von Lissabon, mit dem Aufbau eines Industriekomplexes beschäftigt waren. Das Schiff war dazu an Gabinete da Area des Sines (GAS) verkauft worden.

1977 wurde es monatelang generalüberholt, das kostete 10 Millionen US-Dollar. Der Plan war, den Dampfer in einem eigens dafür geschaffenen Bassin als schwimmendes Hotel in Sines zu nutzen. Das lief nicht so recht an, zudem war die Sanierung nicht mit der Fokussierung auf ein Hotelprojekt realisiert worden. Es folgten elf Jahre des Misserfolgs, in denen das einst so fortschrittliche Schiff langsam verrottete.

Foto: Archiv Jens Meyer

Bis der griechische Schiffsmagnat George Potamianos, einer der Großen im Geschäft, sich 1986 der Sache annahm. Er war mit seinem Unternehmen Arcalia Shipping in Lissabon ansässig und schlug einen rigorosen Umbau der Infante Dom Henrique zur Nutzung als Kreuzfahrtschiff durch seine in Panama registrierte Gesellschaft Trans World Cruises vor. Im Februar 1988 wurde das Schiff, dessen Propeller während der Zeit in Sines demontiert worden waren, nach Umbenennung in Vasco da Gama zunächst nach Lissabon und anschließend nach Griechenland verschleppt, für die Renovierung waren diesmal 50 Millionen US-Dollar fällig.

Die hauptsächlichen Überarbeitungen fanden in Nafsi statt, nahe Piräus. Die Maschinenanlage wurde komplett überholt, der vorhandene Schornstein blieb – bis auf die Außenbemalung – erhalten. Die voluminösen Ladepfosten samt Ladebäumen auf dem Vor- und Achterschiff wurden demontiert. An der Vorkante des Deckshauses wurden stattdessen ein kleiner elektrischer Bordkran und dahinterliegender kleiner Mast sowie am Ende des auf dem hinteren Deckshaus gelegenen Sportdecks ein modern gestalteter Achtermast installiert.

Foto: Sammlung JSA

Sämtliche Kabinen wurden ausgewechselt, das Schiff erhielt komplette Erneuerungen im Kabinenbereich und wurde mit Bädern ausgestattet. Durch den Umbau entstand neuer Platz an Bord für größere Kabinen, Bordboutiquen, ein Casino und ein Sportdeck. Anschließend wurde die Vasco da Gama in Charter des deutschen Reiseveranstalters Neckermann Reisen zu Kreuzfahrten ab Bremerhaven eingesetzt.

Die weitere Existenz des Schiffes war von Erfolgen und Niederlagen bestimmt. Am 5. Dezember 1988, als das Schiff vor Lissabon lag, brach im Maschinenraum ein Feuer aus; es musste zur Reparatur an eine Werft nach Bremerhaven geschleppt werden wo es am 17. Dezember eintraf. Nächste Station nach Abschluss der Reparaturarbeiten war Genua, von dort startete sie am 7. Januar 1989 zu einer Weltreise über den Atlantik, nach New York, durch den Panama-Kanal, den Südpazifik nach Neuseeland und mit Schwerpunkt Australien, bevor es via Suez zurück nach Genua ging. Im Juni 1990 wurde eine Dampfturbine beschädigt, wieder ging es an die Bremerhavener Werft. 1991 übernahm der Kreuzfahrtanbieter SeaWind Cruise Lines das Schiff, das nun vor allem in der Karibik im Einsatz war – ab 1995 als SeaWind Crown.

1997 kam durch die Verschmelzung der Reedereien SeaWind Cruises, Dolphin Lines zur Cruise Holdings Ltd. und nachfolgender Übernahme aller Aktivitäten der Premier Cruise Line zur Formierung aller drei Partner zur Premier Cruises Inc.. Die SeaWind Crown wurde Ende des Jahres für die neuen Sicherheitsbestimmungen SOLAS präpariert und erhielt im Rahmen von größeren Umbauten noch ein Restaurant, zusätzliche Kabinen und Konferenzräume, wodurch sich die Kapazität von 624 auf 728 Gäste erhöhte. Der Rumpf präsentierte sich nunmehr in blauem Farbkleid mit goldfarbenen Band an der Oberkante und der Schornstein trug das Premier-Logo auf dunkelblauem Grund.

Foto: Jürgen Saupe

1999 übernahm die spanische Pullmantur Cruises das Schiff für Mittelmeerfahrten ab Barcelona in Charter. Das lief gut, aber dann doch schlecht, weil Schiffseigner Premier Cruise Inc. im September 2000 keine Rechnungen bezahlen konnte und das Schiff in die Kette gelegt wurde. Die Besatzung blieb ein halbes Jahr an Bord des in Barcelona „gestrandeten“ Schiffes und lebte von wohltätigen Organisationen. 2002 wurde das Schiff offiziell außer Dienst gestellt und in Barcelona als „totes Schiff“ aufgelegt. Nachdem eine von der Hafenbehörde beantragte Versteigerung erfolglos blieb, verließ das in Batumi registrierte und in Barcelona umbenannte Schiff am 28. Dezember 2003 nach mehr als dreijähriger Liegezeit den Hafen Barcelona. Via Suezkanal ging es in Richtung China. Im Februar 2004 traf es an der Pan-Yu-Werft bei Guangzhou ein, wo es anschließend verschrottet wurde.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer