An Pfählen vertäut

Foto: Sammlung JSA

Das Luxusschiff „Stella Polaris“ war eine Zeitlang das dienstälteste Kreuzfahrtschiff der Welt, nach 78 Jahren war sein Schicksal besiegelt

Als Stella Polaris wird der hellste Stern im Sternbild des Kleinen Bären bezeichnet. Sein ganz großer Vorteil ist die klare Orientierung der geografischen Nordrichtung, der Polarstern ist an den meisten Tagen des Jahres nach Sonnenuntergang zu sehen, selbst bei Nebel. Schon vor Tausenden von Jahren haben sich die Menschen am Stella Polaris orientiert, vor allem solche, die sich auf Seewegen befanden.

Das Schiff, das diesen Namen erhielt, war bewusst als Kreuzfahrtschiff gebaut und eingerichtet worden, im September 1926 lief es nach der Taufe durch die Tochter des Reedereidirektors Lehmkuhl lief es vom Stapel. Das geschah bei den Göteborger „Götaverken“ (heute Götaverken Cityvarvet AB) und Auftraggeber war die Det Bergenske Damskipsselskap mit Sitz im norwegischen Bergen (Bergen Line of Norway (BLoN)). Der fünf Wochen vor Kontrakttermin am 26. Februar 1927 abgelieferte Neubau war der erste Passagierschiffbau der Werft und von Anfang an als Luxusdampfer konzipiert, hatte 165 Kabinen für Passagiere der Ersten Klasse, darunter vier in jeweils unterschiedlichen Holzarten gestaltete Suiten auf dem C-Deck, und eine große Besatzung von 150 Personen. Bis 1940 beförderte das Schiff seine Gäste auf den beliebten Routen nach Spitzbergen und in die Fjorde zum Nordkap. Im Sommer kreuzte das Schiff auch in der Ostsee und im Mittelmeer, es war stets gut gebucht.

Die mit 5020 BRT vermessene und über sechs Passagierdecks verfügende Stella Polaris war 126,8 Meter lang, 15,54 Meter breit und der Tiefgang lag bei 5,18 Metern. Angetrieben wurde das Schiff von zwei Dieselmotoren der Firma Burmeister & Wain mit insgesamt 5300 PS und erzielte über zwei Propeller eine Höchstgeschwindigkeit von 15 kn (28 km/h). Über die luxuriöse Inneneinrichtung mit einem für bis zu 214 Gäste ausgelegten Speisesaal auf dem C-Deck ist seltsamerweise wenig bekannt, es gibt dazu kaum Unterlagen mehr.

Als das Deutsche Reich 1940 im Zuge des Zweiten Weltkriegs Norwegen okkupierte, wurde das top ausgestattete Schiff von der Kriegsmarine beschlagnahmt und als Wohnschiff für U-Boot-Offiziere der Besatzungsmacht genutzt, sein Standort war bis Kriegsende Trondheim. 1945 diente es auf mehreren Fahrten als Transportschiff für russische Kriegsgefangene von Norwegen in die Sowjetunion, wodurch es arg strapaziert wurde.

Nach diesen Hilfsfahrten brachte man das Schiff erst im Lofjord unter, bald danach wurde es von den zuständigen Behörden an die BLoN zurückgegeben und sollte wieder als Kreuzfahrtschiff unterwegs sein.

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Das war aber nicht möglich, weil die Stella Polaris schwer beschädigt war, sie wurde zur Göteborger Werft geschleppt und generalüberholt. Fotos aus jener Zeit zeigen, dass das Schiff in miserablem Zustand war, der einst weiß glänzende Kreuzer war jetzt schwarz, verrußt und voller Roststellen am Rumpf und an der Brücke. Erst ab Herbst 1948 konnte er von der Bergen Line wieder als Kreuzfahrtschiff eingesetzt werden, das ging so bis 1951.

In diesem Jahr erwarb der schwedische Verleger Einar Hansen das Schiff, er war Eigentümer des Allhem-Verlages in Malmö und brachte sein Kapital auch für die Schiffssanierung ein. 1954, 1965 und 1968 ließ Hansen die Stella Polaris umbauen und modernisieren, abermals durch die Göteborger Werft. Das populäre Schiff befand sich nun unter der Flagge von Hansens Unternehmen „Clipper Line“, und die zog nicht nur Skandinavier, sondern auch US-Amerikaner an. Das Schiff steuerte die Ostküste der USA an und ging auch in der Karibik und Venezuela vor Anker.

Indes: Für die amerikanischen Behörden war das Niveau des Schiffsumbaus unzureichend, es gab Beschwerden. Daraufhin zog sich Einar Hansen zurück, auch weil wohl die Rendite nicht mehr stimmte. Der berühmte „Norddampfer“ wurde nicht mehr gebraucht und stand zum Verkauf.

Im Herbst 1969 erwarb die japanische Eisenbahngesellschaft Itzuhakone Tetsudö die Stella Polaris und nutzte sie als Hotelschiff im Hafen von Kisho Nishiura auf der Halbinsel Izu. 30 Jahre lang war das Schiff hier dauerhaft an den Pfählen einer Pier vertäut. Die neuen Eigentümer hatten sich wegen der Lage, direkt gegenüber vom Vulkanberg Fuji mit seinen 3776 Metern Höhe und seinem 100.000 Jahre alten Gestein, einen regen Gästeaufschwung erhofft. Doch trotz der Hunderttausenden von Pilgern, die in jedem Jahr das japanische Nationalsymbol bestiegen, stellten sich nicht genug Besucher ein. Das Schiff hatte auch einen anderen Namen bekommen: Erst hieß es Hotel Scandinavia (bis 1999), später wurde es zum Restaurant Scandinavia umbenannt; am 31. März 2005 wurde die Location im Land der aufgehenden Sonne endgültig geschlossen.

Foto: Sammlung JSA

Nach kurzer Sanierung boten die Japaner das Schiff zwei Monate später zum Kauf an. Die schwedische Gesellschaft Petro-Fast AB, offenkundig traditionsbewusst, erhielt den Zuschlag für das altehrwürdige Schiff. Es sollte zuerst innerhalb von 10 Tagen nach China gebracht werden, um in Shanghai die nötigsten Reparaturarbeiten vor der Weiterreise nach Schweden vorzunehmen. Endlich konnte die Stella Polaris von der Vertäuung befreit werden. Das geschah durch Festmacher, die neben Kreuzfahrtschiffen auch riesige Frachter an Kaimauern und Pfählen vertäuen. Rein körperlich ist das für die Festmacher ein knochenharter Job, sie müssen die Gefahren kennen und bei Wind und Wetter arbeiten. Brechende Leinen haben eine enorme Schlagkraft, fast wie ein Schwert. Die Schweden hatten die Absicht, die inzwischen in Scandinavia umbenannte Stella Polaris in Göteborg zu verankern und zum Hotel- und Restaurantschiff umzugestalten.

2005, 78 Jahre nach der Jungfernfahrt, wurden noch in Kisho Nishiura Veranstaltungen wie eine „Sayonara-Party“ an Bord durchgeführt. Danach wurde das Schiff für die Abfahrt bereit gemacht. Am Haken eines Schleppers sollte es – via China – auf einer langen Fahrt nach Schweden überführt werden. Als der Schleppzug am 1. September 2006 in Bewegung gesetzt wurde, sah es noch so aus, als ob die Stella Polaris ihren schwedischen Zielhafen erreichen könnte.

Sie geriet jedoch nach kurzer Fahrt in stürmisches Wetter und sank am Morgen des 2. September 2006, Ortszeit 02.00 Uhr, wenige Kilometer vor Wakayama. Seither liegt sie dort in 70 Meter Tiefe im Pazifischen Ozean vor der Südostküste Japans.

Bei der norwegischen Fährreederei Color Line gab es vor Jahren Überlegungen, ein reines Kreuzfahrtschiff nach einem Entwurf von Falkum Design, Oslo, zu bestellen und mit seiner Taufe auf den Namen Stella Polaris an eines der seinerzeit schönsten Kreuzfahrtschiffe der Welt zu erinnern.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer