REKORDBRECHER UND MILITÄRTRANSPORTER

Die Stirling Castle war seit 1936 ein Passagierschiff der britischen Reederei Union-Castle Line, im Postdienst zwischen Southampton und Südafrika. Sie brach den Geschwindigkeitsrekord.

Wenn das eindrucksvolle Schiff in den Hafen von Kapstadt einfuhr oder ihn verließ, fanden sich jedes Mal viele Menschen ein, die dem Ozeankreuzer hinterher staunten. Unter dem wuchtigen Bergpanorama der südafrikanischen Stadt hatte das elegante, schnittige weiß-rote Schiff, das riesige Wellen vor seinem Bug herschob, eine Aura. Er war ein echter Hingucker, so ein prachtvolles Schiff sah man nicht alle Tage. Wahrhaftig ein Castle, ein Schloss auf dem Wasser, nach einem gleichnamigen Schloss in Schottland benannt. Die im Mai 1936 in Dienst gestellte Schwester Athlone Castle war auch ein stolzes Wasserfahrzeug. Aber die Stirling Castle hatte ein Fludium, von ihr ging eine ganz bestimmte Atmosphäre aus. Irgendwie adelig, majestätisch, souverän und doch zugleich modern, also anderen Schiffen überlegen. Ihr Heimathafen war offiziell London, aber die britische Hauptstadt wurde nicht oft angesteuert.

Foto: Sammlung Jens Meyer

Das langgezogene, 25.550 BRT (15.687 NRT), große Doppelschrauben-Motorschiff war von der Werft Harland & Wolff im nordirischen Belfast als Baunummer 941 erstellt worden. Am 1. Mai 1934 erfolgte die Kiellegung, am 15. Juli 1935 ließen es die Arbeiter vom Stapel. Als Taufpatin fungierte Mrs. Robertson Gibb. 223,72 Meter war die Stirling Castle lang und 25,29 Meter breit, ihr Tiefgang lang bei maximal 9,8m. Der Schornstein mächtig und herausragend, schwarzrot gestrichen, dazu zwei Masten und zwei Propeller. Der Antrieb erfolgte durch zwei von Harland & Wolff in Lizenz von Burmeister & Wain gebaute zehnzylindrige Zweitakt-Dieselmotoren, die auf je einen Propeller arbeiteten. Diese bisher größten in Großbritannien hergestellten Motoren mit einer Bohrung von 66 cm und einem Hub von 150 cm waren 22 m lang, 10 m über Kurbelwellenmitte hoch und wogen 900 Tonnen. Die Maschinenleistung war enorm, 24.000 PS (17.652 kW), die Höchstgeschwindigkeit betrug 20 Knoten (37 km/h). Die Tragfähigkeit wurde mit 15.421 tdw angegeben. In der Ersten Klasse gab es Platz für 297 Personen, in der Kabinenklasse 492 Passagiere. Als Fracht wurde vor allem Post transportiert.

Am 7. Februar 1936 erfolgte die Indienststellung, dem Schiff sollten 40 Jahre bleiben. Am selben Tag begann die Jungfernfahrt von Southampton nach Kapstadt, das sollte fortan ihre Linie sein. Aber weil das Schiff so viel hermachte, musste es sich auch beweisen. Am 4. September stellte die Stirling Castle auf dieser Route erstmals alle Geschwindigkeitsrekorde ein, die zuvor erlangt worden waren. Sie erreichte Kapstadt nach einer Fahrtzeit von 13 Tagen, sechs Stunden und 30 Minuten. Und wieder hatten sich die staunenden Neugierigen am Hafen eingestellt. Sie wussten über den Rundfunk, dass der bisherige Rekord des SS Scot, eines Schiffes des Vorgängers der Reederei Union Line, gebrochen war. Er hatte lange gehalten, von 1893 an, er lag bei 14 Tagen, 18 Stunden und 57 Minuten.

Das Schwesterschiff der Stirling Castle, die Athlone Castle. Foto: Sammlung JSA

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Stirling Castle am 19. Oktober 1940 zum Truppentransporter, die Kabinen und andere Räume wurden umgebaut, das Schiff hatte nun eine Kapazität von 5000 Soldaten. Es fuhr unter anderen WS-Geleitzügen, 1942 war sie das Flaggschiff des ersten Konvois. WS bedeutete Winston’s Special, militärisch gesicherte, unregelmäßig verkehrende britische Konvois aus Truppentransportern und Frachtschiffen, die Menschen und Güter zu sämtlichen Kriegsschauplätzen brachten.

Während sich das Schiff nach Brasilien begab, erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg. Von da an, ab 1943, lief es nur noch von Häfen der Vereinigten Staaten aus. Auf einer Fahrt befanden sich sogar 6000 Soldaten an Bord, der Einsatz erfolgte bis Kriegsende. In dieser Zeitphase hatte die Stirling Castle insgesamt 505.000 Seemeilen absolviert und 128.000 Mitglieder der US-Army befördert. Das Schiff kam unversehrt durch den Krieg, andere Schiffe der Reederei und anderer Reedereien hatten dagegen allerlei Beschädigungen vorzuweisen.

1946 wurde das Riesenschiff aus dem Regierungsdienst entlassen. Am 31. August desselben Jahres fuhr es nach Australien, am 28. September kam es in Fremantle an. Dort wurde das Schiff umgerüstet, um wieder in den Passagierservice zurückkehren zu können. Das geschah 1947, nachdem in den Monaten zuvor schon der Postdienst wieder übernommen worden war. Die Unterkünfte für Passagiere waren nun für 245 Reisende in der Ersten Klasse und 538 in der Touristenklasse ausgelegt und das Schiff wies eine um vier auf 25224 BRT vergrösserte Vermessung auf.

Der Zeitzeuge Rodney Gascoyne war Crewmitglied auf der Stirling Castle Ende der 1950er Jahre und in den 1960er Jahren. Er hat schriftlich festgehalten, was er an Bord des Schiffes erlebt hat. Nachdem er nach der Anmusterung seinen Job antrat, erhielt er, wie er schrieb, eine Kabine, „sie lag direkt vor dem Büro in der Ersten Klasse und überbrückte ein Brunnendeck (oder ein versunkenes Deck) unter dem Vorderdeck des Schiffes, aber mit Öffnungen nach See auf jeder Seite, die Tageslicht in die Kabine ließen. Es war eine umgebaute Erste-Klasse-Kabine mit einem Waschbecken und einer vollwertigen Koje, zusammen mit einem Schreibtisch, einem Tagesbett und Kleiderschränken, die aus Teakholz gebaut waren.“

Gascoyne beschreibt auch die massiven Dieselmotoren mit jeweils zehn Zylindern, „von einem minderwertigen Schweröl angetrieben, das erhitzt werden musste, um es brennbar zu machen. Es gab auch separate Generatorensätze, um Strom zu erzeugen, wenn die Hauptmotoren nicht liefen.“ Manchmal lag die Hitze im Maschinenbereich bei bis zu 140 Grad.

Trotzdem schaffte es das Schiff, die vorgegebenen Fahrtzeiten einzuhalten. Gascoyne berichtet: „Am Donnerstag um 6 Uhr morgens, zwei Wochen nach dem Auslaufen, würde das ausgehende Schiff in Kapstadt ankommen, während die Ankunft in Richtung Norden am frühen Freitagmorgen erfolgt. Das nach Süden fahrende Schiff würde über Nacht in Kapstadt bleiben und dann nach Port Elizabeth, East London, versegeln und schließlich das Ende der Fahrt in Durban am Indischen Ozean erreichen.“ Seine Feststellung: „Der Service lief wie am Schnürchen.“ Er merkte aber, die Stirling Castle „näherte sich dem Ende ihres Wirtschaftslebens, war aber im Laufe der Jahre gut gepflegt worden und sah immer noch sauber und ordentlich aus.“ Zwei Nachteile hielt er fest. Das Schiff hatte noch keine Stabilisatoren und keine Klimaanlage, was für die Routen in Tropenregionen ungünstig war.

1965 war das Ende der Stirling Castle entschieden worden. Ein geplanter Verkauf an einen Abbrecher in Taiwan (wie er bereits zwei Monate vorher für ihr Schwesterschiff gelungen war) war gescheitert. Am 30. November des Jahres schickte man sie zur letzten Überfahrt nach Southampton. In den kommenden Monaten wurde sie aber noch für Kreuzfahrten in der Nordafrikaregion eingesetzt. Am 1. Februar 1966 verließ das Schiff Southampton zum letzten Mal und kam am 3. März in Japan, im Hafen Mihara an, dort übernahm die Firma Nichimen Kagaku Kogyo K.K. das Abwracken.

Roland Mischke, maritimes Lektorat: Jens Meyer