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MS „Astor“ – Ein Name, zwei Schiffe

Es kommt noch immer, auch bei routinierten Kennern der Passagierschiffsszene, zu Verunsicherungen, welche der beiden als ASTOR gebauten Schiffe denn nun welche war.

ASTOR (1)

Gebaut 1981 bei den Howaldtswerke-Deutsche Werft, Hamburg unter der Baunummer 165 für die Hamburger Reederei Hadag Cruise Line, wurde die erste Astor alsbald TV-Star als erstes deutsches Fernseh-Traumschiff unter bundesdeutscher Flagge in der gleichnamigen ZDF-Serie. Anfang Februar 1984 erfolgte die Übergabe des für die HADAG unprofitablen Kreuzfahrtschiffes ohne Namensänderung an die südafrikanische Reederei SAFMARINE in Kapstadt, die das Schiff deren touristischer Tochter SAFLEISURE zur Vermarktung übergab. Vorgesehen war, das Schiff für einen Liniendienst zwischen Southampton und Kapstadt, sowie weiteren südafrikanischen Häfen einzusetzen. Der Hamburger Partner der südafrikanischen Reederei sprang helfend ein und offerierte die Astor sowohl dem britischen, als auch dem deutschen Kreuzfahrtmarkt. Doch die Apartheitsflagge Südafrikas bereitete dem Schiff in zahlreichen Häfen Nordeuropas zusehends Schwierigkeiten. Da brachte auch ein letztes Ausflaggen unter Bahamasflagge nicht mehr den erwünschten Erfolg. Da kam die Suche der damaligen DDR nach einem Ersatzschiff für deren kränkelnde Völkerfreundschaft den Südafrikanern gerade recht. Man konnte die ungeliebte Astor über den Umweg DEUTSCHE WEST-AFRIKA LINIE, Hamburg, (ein direkter Verkaufsabschluss war der damaligen DDR-Regierung aus politischen Gründen versagt) ohne Verlust veräußern. So ging die Astor für ganze 24 Stunden pro Forma in Westdeutsche Hände über und die DDR konnte ohne politische Gewissensbisse das Schiff übernehmen, denn man kaufte ja „deutsche Ware“.

Die Astor wurde am 29. August 1985 in Hamburg an die DDR übergeben und in Arkona umbenannt. Diesen Namen trug das Schiff bis zu seinem Verkauf am 14. Februar 2002 an die Astoria Shipping Co. Umbenannt am 20. Febr. 2002 in Astoria bekam das Schiff am 1. März 2007 wiederum als neuen Eigentümer die Reederei Club Cruise. Diese verlangte plötzlich vom Charterer Transocean Tours viel mehr Geld mit dem Ergebnis, dass der Chartervertrag nicht verlängert wurde. Club Cruise geriet alsbald in finanzielle Turbolenzen, das Schiff wurde aufgelegt, geriet in die Kette und wurde schließlich nach einigem Hin- und Her am 5. Aug. 2009 durch die britische Saga Cruises in Gibraltar ersteigert und in England für umgerechnet rund 16 Mio. Euro total umgebaut und renoviert. Seit dem 15. März 2010 fuhr die erste Astor unter dem Namen Saga Pearl II für überwiegend britische Gäste. Bedingt durch eine Umstrukturierung bei Saga fuhr das Schiff ab 2012 unter dem Namen Quest for Adventure für die Saga-Tochter „Spirit of Adventure“, wurde aber später wieder in Saga Pearl II zurückbenannt. Am 11.4.2019 endete die letzte Kreuzfahrt unter Saga Cruises in Portsmouth. Am 16. 4.2019 eingetragen als Pearl II für den neuen Eigner Aqua Explorer Holdings Ltd.auf den British Virgin Islands des zypriotisch-griechischen Geschäftsmanns Miltos Kambourides. Auf der Koros Shipyard in Amelakia auf der griechischen Insel Salamis sollte das Schiff zu seiner privaten Luxusyacht umgebaut werden. 2022 wurde der geplante Umbau jedoch verworfen und das Schiff zur Verschrottung im türkischen Aliaga verkauft. Am 23. Juli 2022 verließ das Schiff Griechenland. Der Schleppzug erreichte wenige Tage später Aliağa.

ASTOR (2)

1985 gab die südafrikanische Reederei SAFMARINE mit dem Verkauf ihres Kreuzfahrtschiffes ASTOR (1) an die damalige DDR als Ersatz bei HDW Kiel am 12.April einen Nachbau in Auftrag, der zur Jahreswende 1986/87 als ASTOR (2) in Fahrt kommen sollte. Durch das Einfügen einer 11 Meter langen Mittschiffssektion wirkte die zweite ASTOR in ihrer äußeren Form gefälliger, die Proportionen stimmten besser. Die Schiffsgröße stieg mit dem verlängerten Rumpf auf BRZ 20.606. Politische Einflüsse ließen seinerzeit einen Betrieb unter der Flagge Südafrikas, wie anfangs bei der ersten ASTOR nicht mehr zu. Viele Staaten sperrten sich der damaligen Apartheid-Flagge. Durch eine verschachtelte Eigentums-Konfiguration wurde der Öffentlichkeit „vorgegaukelt“, kein südafrikanisches Schiff vor sich zu haben, zumal auch die gewählte Flagge Mauritius unverfänglich erschien. Offiziell wurde der Neubau noch während der Bauphase an die Marlan Corporation mit Sitz in Panama übertragen. Die Vermarktung erfolgte über die Reiseveranstalter Morgan Leisure in Colchester/England sowie durch Globus Kreuzfahrten in Hamburg.

Doch die ASTOR Nummer Zwei fuhr, wie schon ihre Vorgängerin, mit Verlusten. Das Management operierte wenig glücklich. Neben vielen Fehlentscheidungen im Schiffsbetrieb traf hier der Slogan zu „Das richtige Schiff zur falschen Zeit“. Heute hat sich der Kreuzfahrtmarkt „freigeschwommen“ und die Branche boomt. Im Hinblick auf damalige kritische Stimmen bezüglich der Verweildauer der neuen ASTOR auf dem deutschen Markt (man erinnerte sich an das kurze „Gastspiel“ der ersten ASTOR) sprach der damalige deutsche Repräsentant der ASTOR (2) in seinen Verlautbarungen von einer mindestens achtjährigen Charter, deren Verträge unkündbar sein sollten. Ergebnis: nach nur knapp 2jährigem Schiffsbetrieb stand auch die ASTOR Nummer Zwei zum Verkauf und die Russen ließen sich dieses Schnäppchen nicht entgehen. Hatte der Bau des Schiffes 120 Mio. US$ gekostet, wurden nach knapp 2 Jahren als Verkaufserlös lediglich 50 Mio. US$ erzielt. Nicht wenige Branchenkenner nahmen damals einen solch niedrigen Verkaufspreis nur kopfschüttelnd zur Kenntnis. Am 2. Oktober 1988 wechselte das Schiff in Genua die Flagge. Am Heck wurde die rote „Werkzeugflagge“ mit Hammer und Sichel gesetzt und der Schiffsname in FEDOR DOSTOEVSKIY geändert. Mit der damals überraschenden Ankündigung des Bremer Seereisenveranstalters Transocean Tours, die „Fedor“ unter Vollcharter zu nehmen, kam dieses schon damals bei deutschen Fahrgästen so beliebte Schiff wieder auf den heimischen Markt. Doch die ASTOR Nummer Zwei brachte (zumindest damals) auch den Bremern nicht das erhoffte Glück. Das Schiff hatte sich unter der Bremer Charterflagge gerade freigeschwommen und die Buchungszahlen verhießen Gutes, da kam der „Knaller“: In einer wohl beispiellosen Aktion wurde die „Fedor“ den Bremern so quasi über Nacht entrissen und an Neckermann-Seereisen weiter gegeben. Angeblich, so hörte man, soll es in dem seinerzeitigen Chartervertrag eine „Lücke“ gegeben haben, die der russischen Reederei einen einseitigen Sofortausstieg aus dem Vertrag ermöglichte. Neckermann kam so gewissermaßen über Nacht zu seinem (damals dringend benötigtem) Traumschiff. Doch auch dieses Glück währte nur kurze Zeit. Die Buchungszahlen ließen zu wünschen übrig. Außerdem konnten durch hohe Charterraten die Fahrpreise für die Neckermann Klientel nicht attraktiv genug kalkuliert werden.

Am 1. Dezember 1995 erhält das Schiff in Bremen wieder seinen ursprünglichen Namen Astor und wurde vom damaligen Veranstalter Aquamarin vermarktet. Transocean Tours entschloss sich am 25.10.1996, die Astor (2) in Langzeitcharter zu übernehmen. Am 21.04.1998 dann die erste Kreuzfahrt unter der Bremer Charterflagge. Am 5.01.2006 kauft der Münchener Finanzdienstleister Premicon die Astor vom Eigner Sovcomflot. Es erfolgte ein weiterer Einsatz bei den Bremern bis zur Insolvenz von Transocean Tours im Herbst 2009. Eine bereits vor der Insolvenz geplante Totalrenovierung im Umfang von mehr als 16 Mio. Euro wurde im Frühjahr 2010 durch den neuen Eigner Premicon AG veranlasst, der auch die insolvente Transocean Tours unter dem neuen Namen Transocean Kreuzfahrten wiederbelebte und dem Schiff einen erfolgreichen Start in die weitere Zukunft ermöglichte. Im November 2014 rutschte die Betreibergesellschaft in die Insolvenz. Danach per 15. 12.2014 Übernahme der Astor durch die Global Cruise Group des griechischen Reeders Tragakis. Als Eigentümer war jetzt eingetragen: Passion Shipping Investment, Athen. Den Winter sollte die Astor fortan in Australien verbringen und dort durch CMV vermarktet werden. Im europäischen Sommer sollte das Schiff in heimische Gewässer zurück kehren und hier von CMV auf dem französischen Markt als Jules Verne eingesetzt werden. Jedoch meldete der britische Mutterkonzern am 20. Juli 2020 Insolvenz an. Alle Reisen wurden abgesagt.

Daraufhin wurde die Astor im Oktober 2020 für 1,71 Mio. US-Dollar zum Abbruch an das Unternehmen BMS Gemi Geri Donusum Sanayi ve Ticaret versteigert. Sie traf am 21. November 2020 auf Reede vor Aliağa ein und wurde am 23. November 2020 zum Abbruch gestrandet. Die Verschrottung wurde im März 2021 abgeschlossen.

Jürgen Saupe (Text und Fotos)