BSH: Verlässliche Informationen über Schifffahrt und Meere essenziell
Meere und Schifffahrt rücken immer stärker in den Mittelpunkt gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen. „Verlässliche Informationen über unsere Meere sind essenziell, die aktuelle sicherheitspolitische Lage unterstreicht ihre Bedeutung mehr denn je“, unterstrich der Präsident des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Helge Heegewaldt, heute bei der Jahrespressekonferenz 2026 in Hamburg. Neben der Schifffahrt der Zukunft, Sicherheit für Mensch und Schiff sowie Klimawandel und Energiewende ging es dabei um Themen wie Schutz und nachhaltige Nutzung der Meere sowie maritime Daten.
Wie aus dem Jahresbericht 2025 des 1.073 Mitarbeiter an seinen beiden Standorten in Hamburg (794 Beschäftigte) und Rostock (279 Mitarbeiter) beschäftigenden sowie über fünf Schiffe und ein Jahresbudget von 155 Mio. Euro verfügenden BSH hervorgeht, wurden im Rahmen des Umweltschutzes im Seeverkehr bei 8.500 Schiffskontrollen 1.700 Umweltverstöße festgestellt und mit 406 Ordnungswidrigkeitsverfahren in 295 Fällen Bußgelder in Höhe von insgesamt 350.000 Euro verhängt. Von den 13.364 an fünf Stationen gemessenen Abgasfahnen waren nur 16 auffällig. Im Zuge der Meeresumweltüberwachung legten die BSH-Schiffe insgesamt 13.936 Seemeilen für Forschung und Sonderaufgaben zurück. Für die der Sicherheit der Schifffahrt und dem Schutz der Umwelt dienende Seevermessung und Wracksuche wurden in der Nordsee 7.966 Seemeilen gefahren und dabei 24 Unterwasserhindernisse untersucht, von denen sechs neu registriert wurden. Dazu gehört ein Mitte 2025 mittels Fächerecholot und Seitensichtsonar von der Wega entdecktes Wrack, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den 1915 bei einem Seegefecht versenkten deutschen Panzerkreuzer SMS Blücher handeln dürfte. Wegen der kulturhistorischen Bedeutung als Kriegsgrab und möglicher Munitionsreste bleibt der Fundort vertraulich. In der Ostsee wurden 3.906 Seemeilen gefahren und dabei 91 Unterwasserhindernisse untersucht.


Interessant sind auch die in dem Bericht enthaltenen Angaben zur deutschen Handelsflotte: Von den 1.639 in deutschen Eigentum befindlichen Schiffen mit einem Gesamtvolumen von 44 Mio BRZ fuhren 248 Einheiten mit 8,5 Mio BRZ (15 Prozent) unter deutscher Flagge, davon 105 mit 7,7 Mio BRZ im Internationalen Seeschiffsregister. 50 Prozent der deutschen Schiffe werden unter EU-Flagge betrieben. An Schifffahrtsförderung wurden im Berichtsjahr insgesamt 41 Mio. Euro ausgezahlt, davon 37 Mio. Lohnnebenkosten und 4 Mio. Euro Ausbildungsplatzkosten.
Ein aktuelles Thema ist die Energiewende Europas in der Nordsee, bei der grenzüberschreitende Kooperationen zunehmend Form annehmen. Beim dritten Nordseegipfel im Januar 2026 bekräftigten die Anrainerstaaten ihre ehrgeizigen Ausbauziele für die Offshore-Windenergie und vereinbarten Schritte für eine engere Zusammenarbeit. Bis 2050 sollen in der gesamten Nordsee 300 Gigawatt Offshore-Leistung installiert werden. Davon etwa 100 Gigawatt in grenzüberschreitenden Projekten durch gemeinsame Netzinfrastrukturen und Offshore-Hubs. Die Vernetzung von Windparks beschäftigt das BSH schon lange, die grenzüberschreitende Anbindung birgt viel Potenzial. „Meeresflächen sind knapp, durch Kooperationen kann Deutschland von Windenergie aus den Nachbarländern profitieren und die Stromerzeugung auf See wird optimiert. Deshalb begrüßen wir die politische Entwicklung“, sagte Dr. Kai Trümpler, Leiter der Unterabteilung Räumliche Planung im BSH. Dies gelte für Nordsee und Ostsee. Ein erstes Abkommen zur grenzüberschreitenden Kooperation wurde auf dem Nordseegipfel zwischen Dänemark und Deutschland unterzeichnet. Deutschland wird 2 Gigawatt dänische Offshore-Windenergie erhalten. Die Europäische Union (EU) will mit dem European Ocean Act ihre Meeresziele und -rechtsvorschriften vereinfachen und harmonisieren. Um die Offshore-Ausbauziele zu erreichen, brauche es klarere Prioritäten und eine bessere Abstimmung zwischen Klimaschutz, Naturschutz und anderen Nutzungen auf dem Meer. Offshore-Windenergie liegt in Deutschland bereits im überragenden öffentlichen Interesse. „Die EU sollte Widersprüche beseitigen“, mahnt Kai Trümpler.
Von autonomen Schiffen bis zur autonomen Wartung
Autonome und ferngesteuerte Systeme finden inzwischen insbesondere im Offshore-Bereich Anwendung. Dazu gehören hochautomatisierte Schiffe, unbemannte Boote und Unterwasserfahrzeuge. Häufig werden sie noch von Begleit- oder Überwachungsschiffen unterstützt. Sie vermessen den Meeresboden, erkennen Altmunition, erfassen Umweltparameter und überwachen Unterwasserkabel in Offshore-Windparks. Das erhöht die Sicherheit auf See und entlastet gleichzeitig das Personal. Mit dem Maritime Autonomous Surface Ships Code (MASS-Code) entwickelt die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) erstmals ein globales Regelwerk für autonome und fernüberwachte Schiffe. Die Verabschiedung ist für Mai 2026 geplant, zunächst als unverbindlicher Standard. Eine anschließende Weiterbearbeitung und Veröffentlichung als ein verbindliches Instrument der IMO ist zum 01.01.2032 vorgesehen.
OceanEy-Initiative stärkt Europas Ozeanbeobachtung
Mit rund 50 Millionen Euro soll die globale Ozeanbeobachtung gestärkt und Datenlücken geschlossen werden. Dies ist zum Beispiel eine zentrale Voraussetzung für den geplanten digitalen Zwilling des Ozeans bis 2030. Die Initiative „OceanEye“ ist ein entscheidender Schritt zu einem leistungsfähigen Meeresbeobachtungssystem in Europa. Sie ist geeignet, die wissenschaftliche Basis für politische Entscheidungen zu verbessern und Innovation und technologische Entwicklung in der Ozeanbeobachtung zu fördern. Das BSH beteiligt sich aktiv mit umfangreichen Daten und Expertise: Insgesamt stehen rund 1,8 Petabyte Ozeandaten bereit. Täglich verarbeitet das BSH etwa 500.000 Nahe-Echtzeit-Messwerte. Ein Großteil der qualitätsgeprüften Daten wird öffentlich zugänglich gemacht und in europäische Systeme wie den Copernicus Marine Service eingespeist.
Deutschland verstärkt Engagement im internationalen Argo-Programm zur Ozeanbeobachtung
Deutschland finanziert bislang jährlich 50 neue autonome Messgeräte im internationalen Argo-Programm. Insgesamt stammen damit rund 300 der weltweit etwa 4.000 aktiven Floats aus deutscher Förderung. Das BSH koordiniert diesen deutschen Beitrag. Im Rahmen des Projekts AWESOME stellt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt 2026 zusätzliche Mittel für zehn weitere autonome Tiefendrifter bereit, die kontinuierlich Ozeandaten liefern. Durch das Argo-Programm lassen sich präzise Aussagen über den Klimawandel in den Ozeanen treffen.

Sichere Navigation trotz Störungen
Wie Jörg Kaufmann, Leiter der Abteilung Seeschifffahrt erläuterte, nehmen Störungen satellitengestützter Navigation in der Ostsee spürbar zu. Gleichzeitig gehöre die Ostsee zu den am stärksten befahrenen Meeren Europas. „Verlässliche Navigation ist entscheidend für sichere Schifffahrt, stabile Lieferketten und den Schutz maritimer Infrastruktur“, so Jörg Kaufmann Fallen Navigationssignale aus oder werden verfälscht, habe das unmittelbare Folgen: Elektronische Seekarten zeigen keine oder falsche Positionen an. Das BSH entwickelt daher unter Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit europäischen Partnern im Projekt ORMOBASS ein ergänzendes Navigationssystem. Kern ist der sogenannte R-Mode, bei dem Funksignale von Küstenfunkstellen genutzt werden, um die Position eines Schiffes auch ohne Satellitendaten zu bestimmen. Erste Messkampagnen auf der Ostsee mit dem BSH-Schiff Deneb zeigen vielversprechende Ergebnisse. Positionsbestimmungen mit Genauigkeiten von 20 Metern am Tag sind bereits heute möglich, nachts werden 50 bis 80 Meter erreicht. Weitere Tests sind geplant, bereits in der ersten Maiwoche. 2026 startet die Deneb zu ihrer nächsten Messkampagne auf der Ostsee. Damit entsteht ein zusätzliches, unabhängiges System, das Navigation robuster macht und die Sicherheit auf See gezielt stärkt. Zur Sicherung der Navigation, Stärkung der Resilenz der Seewege und Schutz des Klimas wurden als Ersatz für die Deneb und die Wega am 10. Dezember 2025 zwei für den Betrieb mit Methanol ausgelegte Mehrzweck-Schiffsneubauten für insgesamt rd. 270 Mio. Euro bei der spanischen Gondan-Werft bestellt zur Lieferung in 2029 und 2030 bestellt, die bei einer Länge von 70 m, einer Breite von 15 m und einem Tiefgang von 4,2 m 18 Besatzungsmitglieder und bis zu sieben Wissenschaftler unterbringen können. Die neue Wega soll in Hamburg und die Deneb-Nachfolgerin in Rostock stationiert werden.
Mehr Sicherheit auf See durch neue Generation der digitalen Seekarte
2026 hat international der Übergang zur nächsten Generation der digitalen Seekarte begonnen. Mit dem neuen S-100-Standard entwickelt sich die elektronische Seekarte zu einem vernetzten System, das deutlich mehr Informationen integriert und nahezu in Echtzeit bereitstellt. Die Einführung erfolgt schrittweise; verpflichtend wird der Standard für neue Navigationsanlagen ab 2029. Neu ist vor allem das inhaltliche Spektrum: Strömungen, Wasserstände, hochgenaue Tiefendaten sowie Informationen zu Offshore-Windparks und Schutzgebieten werden in einer einheitlichen Datenstruktur zusammengeführt. Das ermöglicht ein realitätsnäheres Lagebild auf der Brücke und erhöht nicht nur die Navigationssicherheit, sondern ermöglicht u.a. auch Treibstoffeinsparungen. Auch die Datensicherheit steigt, da die Systeme Informationen verschlüsselt bis auf die Brücke übertragen. Manipulationen sind damit praktisch ausgeschlossen. Erste Anwendungen bewähren sich bereits in der Praxis. So stellte das BSH Ende 2025 hochgenaue bathymetrische Daten für Elbe und Weser im Testbetrieb bereit. Lotsinnen und Lotsen berichten von präziserer Einschätzung des Navigationsraums und spürbarer Entlastung im Arbeitsalltag. Seit Anfang 2026 ist das Angebot in allen deutschen Lotsrevieren verfügbar. Ab Ende 2026 soll die digitale Seekarte nach dem S-100-Standard flächendeckend für das gesamte deutsche Seegebiet produziert werden. JPM



