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Kampf um Werftkapazitäten

Wenn Reeder in diesen Tagen sich nach Werften für Kreuzfahrtschiffe umschauen, dann kommen sie schnell vor verschlossene Türen. Die gewaltig gestiegenen Verteidigungsausgaben der Staaten füllen jetzt auch zunehmend die Auftragsbücher der Werften. In Europa stehen die beiden großen Kreuzfahrtwerften Fincantieri (Italien) und Chantiers de l’Atlantique vor milliardenschweren Aufträgen. Aber auch in Deutschland wird der Marineschiffbau weiter ausgeweitet.

Ganz akut betrifft es auch Frankreich. Nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 21. Dezember den Bau des neuen Flugzeugträgers für die französische Marine verkündete, war klar, dass die die einzige Bauwerft dafür in Frankreich in St. Nazaire für längere Zeit durch einen großen Auftrag blockiert sein wird. Etwa 2030 soll der Bau des 310 Meter langen Flugzeugträgers beginnen und bis 2038 dauern.

Schon der Bau des aktuellen Flugzeugträger Charles de Gaulle hatte die Werft von 1987 bis 1994 beschäftigt. Der Neubau soll ebenfalls einen Antrieb aus Atomreaktoren bekommen. Der Auftragswert liegt bei 10,25 Milliarden Euro. Das entspricht fast dem Auftragsvolumen der sechs Schiffe der World-Klasse, die aktuell die Kreuzfahrtreederei MSC in St. Nazaire bestellt hat. Wenn aber 2031 das letzte Schiff der World-Klasse in St. Nazaire das Dock von Chantiers de l’Atlantique verlässt, dürfte an der Atlantikküste die graue Farbe dominieren.

Charles de Gaulle, Foto: Frank Behling

Bereits jetzt ist die Werft mit Marineschiffen beschäftigt. Der Rumpf für den Bau eines neuen französischen Atomflugzeugträgers dauert etwa zwei Jahre. Allein der Einbau der Reaktoren, Turbinen und Munitionskammern ist eine ganz andere Dimension bei der Präzision als bei einem LNG-Kreuzfahrer. In dieser Zeit steht das Dock nicht für Kreuzfahrer zur Verfügung.

Aber nicht nur in Frankreich füllen Marineaufträge die Docks, auch beim Marktführer für Kreuzfahrtschiffe sieht es inzwischen nicht anders aus. Bei den im Dezember präsentierten Geschäftszahlen gibt es bei der italienischen Werftengruppe Fincantieri wächst ein Sektor extrem.

Der Marineschiffbau ist inzwischen die wichtigste Wachstumssäule in der Bilanz. Die Fincantieri-Werft in Ancona soll deshalb neben den Werften bei La Spezia und Genua als zweiter Standort für Marineschiffe von Fincantieri erweitert werden. Bislang wurden in Ancona vor allen Dingen Fähren und Kreuzfahrtschiffe gebaut, darunter auch die Schiffe für Viking Cruises.

Im Kreuzfahrtbereich bleibe man Marktführer heißt es, mit einem Weltmarktanteil von 40 Prozent und mehr als 130 gebauten Schiffen seit 1990 wolle man dieses Segment weiter stärken.

Doch die Reedereien schauen sich bereits um. Das Engagement von MSC Cruises in Papenburg bei der Meyer Werft ist auch als strategischer Schritt zu sehen. Die frühzeitige Bestellung von Aufträgen auch über das Jahr 2030 hinaus sichert Kreuzfahrtunternehmen Bauplätze. Auch ein Einstieg von MSC bei Meyer ist nicht ganz ausgeschlossen. Wer eine Werft besitzt, der kann auch bestimmen, was dort gebaut wird. Auch NCL und Royal Caribbean International hatten zuletzt unter diesem Eindruck bereits frühzeitig Rahmenverträge für Neubauten gezeichnet.

Analysten erwarten, dass die weltweiten Staatsausgaben für Marineschiffe bis 2030 voraussichtlich 2,93 Billionen US-Dollar erreichen werden, was einem Anstieg von 18 Prozent gegenüber den 2,47 Billionen US-Dollar an Bestellungen im Jahr 2025 entspricht. Diese Schiffe sollen gebaut werden. In Deutschland ist das Beispiel TKMS ein Sinnbild der Entwicklung. Mit einem Auftragsvolumen von über 20 Milliarden Euro ist die Kieler Werft jetzt in Deutschland die Nummer 1 unter den Werften. Der Kauf der MV-Werft in Wismar und die Partnerschaft mit den Werften der Rönner-Gruppe in Bremerhaven und Flensburg sorgt auch hier für einen Schwenk vom Handelsschiffbau ins Marinegeschäft.

Bei Fincantieri in Italien gab es in den ersten neun Monaten 2025 elf Neubestellungen an Kreuzfahrtschiffen. 36 Schiffe sind dort bislang bis 2032 unter Vertrag. Der Umsatz im Marinebereich stieg bei Fincantieri 2024 um fast 40 Prozent und macht inzwischen einen erheblichen Anteil am Schiffbau aus. Dazu gehören auch Exportaufträge für Marineschiffe nach Algerien, Katar und Indonesien. FB