Wegen Russland-Sanktionen: Finanzierungsalternative für türkische  Havila Voyages-Neubauten gesucht

Foto: Havila Voyages

Finanzielle Probleme der ursprünglich beauftragten spanischen Werft, Neuvergabe an einen türkischen Schiffbauer, Verzögerungen durch die Pandemie, Probleme der Bauwerft mit einem ihrer Zulieferer und jetzt auch noch Finanzierungsprobleme durch die am 8. April von der EU verlängerten Sanktionen gegen russische Unternehmen: Der ursprünglich Anfang Januar 2021 geplante und immer wieder verschobene Start der familiengeführten norwegischen Reederei Havila Voyages, die vier moderne 15776-BRZ-Hybrid-Kreuzfahrtfähren auf der zuvor ausschließlich von Hurtigruten bedienten klassischen Postschiffsroute zwischen Bergen und Kirkenes einsetzen will, gestaltet sich zunehmend holpriger. Bisher konnte sie lediglich das Typschiff Havila Capella nach mehrfacher Terminverschiebung am 3. November 2021 von der türkischen Tersan-Werft übernehmen und nach Bergen überführen, von wo aus es am 12. Dezember zu seiner Jungfernreise startete.

Die Havila Capella wird von GTLK Asia, einer russischen Leasinggesellschaft in Hongkong, finanziert. Da diese zu den sanktionierten Unternehmen gehört, geht man bei Havila Voyages davon aus, dass die Sanktionen GTLK daran hindern werden, die Finanzierung der drei verbleibenden Schiffe durchzuführen, die sich bei der Tersan-Werft in der Ausrüstung befinden.

„Wir unterstützen die Sanktionen gegen Russland in dieser schlimmen Situation, in der sich die Welt befindet, und arbeiten nun daran, Havila Capella zu refinanzieren, um alle Verbindungen zu sanktionierten und in russischem Besitz befindlichen Unternehmen abzubrechen“, so CEO Bent Martini von Havila Voyages. „Die Havila Capella ist das einzige unserer Schiffe, das von GTLK finanziert und geleast wird. Die restlichen Schiffe befinden sich bis zu ihrer Ablieferung im Besitz der Tersan-Werft.“

Die Havila Capella ist im regulären norwegischen Schiffsregister mit der norwegischen Flagge, norwegischen Besatzung und Havila Voyages als der norwegischen Betreibergesellschaft eingetragen. 

„Das Schiff ist von den norwegischen Behörden zugelassen und erfüllt alle Anforderungen des norwegischen Seeverkehrsgesetzes, so dass es unter norwegischer Flagge fahren kann. Obwohl wir Miete an eine russische Firma gezahlt haben, ist das Schiff praktisch norwegisch“, erklärt Martini.

„Wir haben das, was jetzt passiert ist, als mögliches Ergebnis bewertet und eine Zeit lang daran gearbeitet, alternative Finanzierungen für unsere Küstenkreuzfahrtschiffe zu finden.“ 

Kurzfristig plane Havila Voyages, das zweite Schiff, die Havila Castor, innerhalb einer Woche in Empfang zu nehmen. Nachdem zuletzt der Start der Jungfernreise von Bergen für den 7. April vorgesehen war, ist er nunmehr am 10. Mai geplant.

„Wir müssen mit mehreren Optionen arbeiten. Die kurzfristige Lösung besteht darin, Havila Castor so schnell wie möglich in Empfang zu nehmen. Die etwas langfristigere Lösung besteht darin, eine alternative Finanzierung für die letzten beiden im Bau befindlichen Schiffe zu finden und die bereits in Betrieb befindliche Havila Capella ihrer derzeitigen Finanzierungskonstrukt zu lösen“, so Martini. Ursprünglich habe man geplant, die Schiffe durch Leasingverträge mit GTLK Europe und GTLK Asia, zwei renommierten Unternehmen in der Schiffsfinanzierung, zu finanzieren, doch mache es die heutige Situation der Reederei unmöglich, GTLK als Finanzierungsinstitution für ihre Neubauten zu nutzen. Es sei schwer zu sagen, wann eine neue Finanzierung vorhanden ist, aber man sei „auf einem guten Weg“.

„Es geht um erhebliche Geldsummen, um vier Küstenkreuzfahrtschiffe zu finanzieren, und das sind komplexe Angelegenheiten. Es wird einige Zeit dauern, bis alles geregelt ist. Wir werden uns bei der Refinanzierung unserer Schiffe an die geltenden Sanktionen, Vorschriften und norwegischen Gesetze halten“, versichert Martini.

Mit der Havila Capella und der Havila Castor waren am 5. September 2020 die beiden ersten vier 15 776-BRZ-Hybrid-Fähren für ihre Tochtergesellschaft Havila Voyages mit Covid-19-bedingter rd. viermonatiger Verspätung zu Wasser gebracht worden. 

Inzwischen liegen auch die beiden letzten Schiffe, die Havila Polaris und Havila Pollux, deren Lieferung zuletzt für Sommer dieses Jahres geplant war, am Ausrüstungskai der türkischen Bauwerft.

Bei der 2018 erfolgten Ausschreibung der neuen Lizenzen für die bisher von den Hurtigruten als Alleinanbieter bedienten Traditionsroute an der norwegischen Westküste hatte sich die von der börsennotierten norwegischen Havila Holding AS bzw. ihrer  Schifffahrtstochter Havila Shipping AS gegründete Havila Kystruten AS gegen die Hurtigruten und die Color Line durchsetzen können und den Zuschlag für den Einsatz von vier Schiffen von 2021 bis 2030 erhalten. 

Die über 179 Kabinen verfügenden und für jeweils 640 Gäste ausgelegten 122,70 m langen, 22 m breiten und 4,65 m tiefgehenden Havila-Neubauten sind in einem nordischen Stil eingerichtet. Die von der konzerneigenen Havyard Group ASA entworfenen Schiffe sind mit der Nutzung von verflüssigtem Naturgas (LNG) als Brennstoff für die dieselelektrische Maschinenanlage und ihrer Ausrüstung mit dem weltgrößten Batteriepack nach Reedereiangaben ,,die bisher umweltfreundlichsten Schiffe auf der Route zwischen Bergen und Kirkenes“.  JPM


Update  14.04.2022 

Oster-Rundreise mit „Havila Capella“ musste abgesagt werden

Trotz aller Bemühungen, die Havila Capella in Fahrt zu halten, musste sie nach kurzer Einsatzzeit wieder stillgelegt werden. Da der Versicherungsschutz für das Schiff noch nicht geklärt ist, sah sich der Betreiber Havila Kystruten gezwungen, die für den 12. April geplante Bergen-Kirkenes-Rundreise abzusagen. Allen Reisenden  sollte der Preis für ihre Reise erstattet werden.

Nachdem das Außenministerium nach Reedereiangaben am späten Mittwochabend noch bestätigt hatte, dass die Sanktionsbestimmungen den normalen Betrieb und damit auch die Versicherung der Havila Capella nicht ausschließt, sei nach erneuter Prüfung des Falles am Donnerstagnachmittag jedoch eine gegenteilige Mitteilung der Behörden eingegangen.

„In erster Linie sind wir sehr enttäuscht, dass es keine Lösung gab und dass die Behörden heute Nachmittag eine Gegenentscheidung getroffen haben. Das Außenministerium ist zu dem Schluss gekommen, dass eine Haftpflichtversicherung nicht mit den Sanktionsbestimmungen vereinbar ist“, so Havila Voyages-CEO Bent Martini. „Wir müssen das akzeptieren und finden es sehr traurig für alle unsere Passagiere, die sich auf eine schöne Osterreise an Bord der Havila Capella gefreut hatten.“  

In seinem ursprünglichen Antwortschreiben habe das Außenministerium erklärt, dass Havila Voyages für den Betrieb und die Finanzierung des Schiffes verantwortlich sei und das Schiff daher nicht von den beschlossenen Sanktionen betroffen sein sollte.

Havila Voyages werde nun nach Lösungen suchen, um die Havila Capella so schnell wie möglich wieder in Fahrt zu bringen. „Wir werden nun den Dialog mit den Behörden und den Versicherungsgesellschaften fortsetzen und schließlich die Refinanzierung der Havila Capella sicherstellen“, so Martini. Jetzt freue man sich auf die bevorstehende Übernahme des Schwesterschiffes Havila Castor. JPM